Wie schaue ich den Final?

Es läuft ja noch Fussball

Wollte man sich gestern Abend mit TV-Sport beschäftigen, waren das Playoff-Finale und Klopps Festspiele in Dortmund die beiden Hauptattraktionen. Nehmen wir mal an, man sagte sich: „Also ich schaue Hockey ab dem 2. Drittel, bis dann sollte alles andere erledigt sein. Aber zuvor möchte ich nur kurz schauen wie das Publikum und die Medienleute reagieren, wenn das Bartgesicht das Stadion betritt.“ Inkonsequent und fern jeder Disziplin, so wie man halt Abends oft ist, zappt man dennoch mal ins erste Drittel rein. Just in diesem Moment sieht man Maxim Lapierre in Grossaufnahme, akustisch vom SRF köstlich ungefiltert, auf dem Bildschirm. Keine Minute später liest man die ersten Tweets von Bern-Fans, die den Enforcer dort hin wünschen wo der Pfeffer wächst. Zwei Erkenntnisse:

  1. Auf dem Sender bin ich richtig.
  2. Der Gelateria-Sport ist aus dem Gedächtnis gelöscht

Vielleicht verlieren sie ja

Es gibt natürlich viele Leute, die würden sich das ganze Jahr Hockey anschauen, wenn es denn keine Sommerpause gäbe. Dann gibt es aber auch solche, die nach einer langen Saison und einem misslichen Aus im Viertelfinale auch mal sagen: „Bah, mach ma wat anderes.“

Bei denen mag es durchaus möglich gewesen sein, dass sie sich für das Fussballspiel entschieden hätten (oder soziale Kontakte, obwohl die für den Misanthropen von Welt wirklich ein Graus sind). Der guten alten Abwechslung zu liebe. Nun aber spielt da Bern und wenn Bern spielt müssen die verlieren. So einfach, so wahr. Genau das macht, offen oder im Versteckten, einen grossen Teil des Reizes in diesem Spiel aus. Man will nicht am nächsten Morgen aufstehen und davon LESEN, dass Bern hoch verloren hat. Man will das SEHEN und sich so den schönen Seiten dieser alten Rivalität wieder richtig bewusst werden. Ja, das geht auch, wenn man selbst schon in den Ferien ist.

Och ja, halt gewonnen

Kurz vor dem Penaltyschiessen macht dieser Gurkenkopf von einer 10 ein Bully-Goal. Noch während sie jubeln versucht man, ähnlich wie ein auftauchender Schwimmer, so schnell wie möglich eine emotionale Distanz zum Spiel zu schaffen. „Ach ist schon schade, aber ist ja Lugano und nicht wir. Wir sind schon früher aus den Playoffs raus, aber vielleicht hätten wir geschafft, wozu Zürich und Davos nicht in der Lage blablabla…“ War man also die ganze Verlängerung in den Startlöchern „oh i manes gönne“ zu sagen wenn einer der Männer in Schwarz Stepanek erwischt hätte, will man, wenn das Gegenteil eintrifft, gar nie emotional was investiert haben. Das liegt irgendwo zwischen Selbstschutz, Selbstverleumdung und der lieben Bequemlichkeit. Stellen wir das Gerät ab.

Die Reaktionen

Es könnte jetzt durchaus vorbei sein. Noch kurz einen kippen und dann ins Bett. Vielleicht noch kurz die Reue darüber füttern, was man nicht sonst alles hätte machen können anstatt den Bernern beim Gewinnen zuzuschauen. Nun, so kommt es nicht.

Wohlweislich hat man eine Woche vorher „Wir sind dann mal für Lugano“ getweetet. Man sorgt so für künftiges Spektakel, ohne das gross zu planen ja sogar ohne es im Gedächtnis behalten zu müssen. Denn sie kommen die Reaktionen, so verlässlich wie unsere Titellosigkeit. Man liest von „Lutschern“ und vom Hashtag #nieschweizermeister. Man sieht wie emotional, dass der Verfasser gewesen sein muss. Denn den für ihn perfekten Wortlaut traf er erst beim vierten Versuch. Nun stellt sich die Frage: Wieso greifen sie das jetzt auf und nehmen den Tweet wie ein Zauberer triumphierend aus dem Hut? Sollten sie jetzt nicht jubeln und wenn schon weiter über Brunner, Lapierre etc. herziehen? Man könnte es meinen. Aber nur wenn man sich nicht bewusst ist wie es ist, den passendsten und widerwärtigsten Nachbaren zu haben, den man sich vorstellen kann.

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