Interview mit… Thomas Roost

Fragen an Thomas Roost, Scout für Central Scouting und den EHC Biel. Sehr aktiv auf den sozialen Medien.

Zuerst zur Tagesaktualität: Kevin Schläpfer wurde bei Biel entlassen. War der Schritt aus deiner Sicht notwendig? Oder eher einer dieser «Entlassungen aus Emotion» wie du sie in deiner neusten Kolumne kritisierst?

Ich weiss es nicht, ich war nicht involviert in diesen Entscheid. Es gibt aber einige Indizien dafür, dass es kein emotionaler, sondern ein rational nachvollziehbarer Entscheid gewesen ist. Nach der enttäuschenden letzten Saison bei der man die Ursachen u.a. auf der Goalieposition und den nachlassenden Ausländerleistungen geortet hat wurde darauf reagiert und jetzt sind wir trotzdem wieder gefährlich nahe an der Situation von letzter Saison. Logisch, dass irgendwann auch der Coach zur Diskussion stand und nicht zu vergessen: Ich glaube, dass Schläpfer nach einer Saison wie der Letzten in den meisten anderen Clubs gefeuert worden wäre; aus meiner Sicht richtigerweise wurde das nicht getan. Die Chance auf Lernfähigkeit wurde ihm zu Recht gegeben; jetzt gab es aber offensichtlich Anzeichen dafür, dass er diese Chance kaum packt, zudem stand ihm in vielen Spielen in den letzten Wochen auch das Glück nicht auf seiner Seite.

Hand aufs Herz, war der Erscheinungstag der Kolumne Zufall oder hast du schon etwas geahnt?

Der Zeitpunkt der Kolumne war alles andere als Zufall denn in der Kick-Off-Sendung vom kommenden Mittwoch der dritten Staffel „TheHockeyWeek“ werden u.a. die Kloten Flyers thematisiert. Vor wenigen Tagen wurde der Vertrag mit dem Coach vorzeitig verlängert und dies gab mir die Anregung, mal wieder über vorzeitige Trainerentlassungen resp. vorzeitige Trainervertragsverlängerungen zu sinnieren. In diesem Sinne war es kein Zufall, aber Deine Frage geht ja in eine andere Richtung. Nein, ich habe nichts geahnt. Ich war allerdings am Samstag im Hallenstadion und die Leistung der Bieler in diesem Spiel war alles andere als erbaulich und ich habe auch die Sorgenfalten in den Gesichtern von Stoney und Daniel Villard gesehen, aber noch einmal: Nein, nichts geahnt.

Die Entlassung wird natürlich u.a. (daneben ist noch Schläpfers Gesundheit) mit dem aktuell schlechten sportlichen Abschneiden begründet. Wie sehr fuchst dich das als Scout und wie gross ist dein Einfluss bei der Kaderzusammenstellung?

Eine Entlassung ist menschlich immer schwierig zu bewältigen, denn ein normaler Mensch hat ja Mitgefühl und Empathie und weiss wie man sich fühlt, wenn man entlassen wird. Kevin ist ein Supertyp auf eine ganz spezielle Art und aus diesem Grund hat mich diese Mitteilung sicher auch berührt, ich bin alles andere als ein Eisklotz. Wie gross mein Einfluss bei der Kaderzusammenstellung ist weiss ich nicht. Ich mache proaktive Vorschläge, erhalte konkrete Anfragen betr. meine Meinung zu angebotenen Spielern aber wie hoch mein Input letztlich gewichtet wird ist für mich schwierig zu beurteilen. Ich gehe davon aus, dass Stoney und Daniel Villard bei Spielerverpflichtungen verschiedene Meinungen einholen – u.a. auch meine – und wenn mein Input nicht irgendwie mehrheitlich fruchtbar wäre dann würde ich vermutlich nicht bereits seit 6 Jahren die Bieler Entscheidungsträger unterstützen dürfen.

Du bist ja in verschiedenen Bereichen als Scout tätig. Um kurz bei Biel zu bleiben, wie sieht dein Tagesablauf auf diesen Tätigkeitsbereich bezogen aus?

Wie gesagt, ich verfasse Berichte über potenzielle Spieler die für Biel in Frage kommen könnten (Ausländer, NLA-Spieler, NLB-Spieler und Junioren). Zudem finden hin und wieder Meetings statt mit den Entscheidungsträgern bei denen über die grobe Zukunftsausrichtung diskutiert und berichtet wird.

Wie sieht sie Scoutingszene innerhalb der Nationalliga aus? Wie weit geht die Zusammenarbeit mit Scouts anderer Vereine und wo fängt das Konkurrenzdenken an?

Ich kenne einzelne Personen von anderen Organisationen/Teams die als Scout unterwegs sind. Diejenigen die ich kenne mag ich alle mega gut, Supertypen und selbstverständlich tauschen wir uns auch oft aus, bilden zum Teil Fahrgemeinschaften. Wir sind zwar irgendwo sicher auch Konkurrenten, in erster Linie aber gute Kollegen und wir haben es meistens gut zusammen.

Was macht den Spieler der Zukunft in der NLA, positionsunabhängig, aus?

Ich beantworte diese Frage NLA übergeordnet: Der Hockeyspieler der Zukunft ist polyvalent. Man kommt eher weg von den typischen Rollenspielern und sucht auch für die dritte und vierte Linie künftig schnelle, technisch gut beschlagene, smarte und bewegliche Spieler und dies gilt auch für Verteidiger.

Du bist 5 Jahre für den EHC Biel aber bereits 20 Jahre für Central Scouting tätig. Hauptaufgabe sind die Zusammenstellung der NHL-Entry Draft Prognosen. Wie sieht deine Arbeit hierfür genau aus?

Wir erarbeiten für die NHL und die NHL-Teams ein eigenes Ranking als Zweit- oder Drittmeinung für die Teams, d.h. unsere Rankings sind keine Prognosen sondern entsprechen unserer Empfehlung.

Gibt es Spieler die du vielleicht als einer von wenigen, wenn nicht sogar als einziger (wohl eher unwahrscheinlich), im Scoutingprozess höher gerankt hast als andere deiner Kollegen, die heute den NHL-Durchbruch geschafft haben?

Ja, da gibt es selbstverständlich unzählige Erfolgs- aber auch Misserfolgsgeschichten. Jüngst vielleicht, dass ich bei Malgin im Draftjahr geglaubt habe, dass er eher zu spät und Siegenthaler eher zu früh gedraftet wurde. In der NHL ein aktuelles Beispiel ist der Chicago Verteidiger Gustav Forsling der für mich völlig unverständlich für ein „Butterbrot“ von Vancouver nach Chicago getradet wurde und jetzt als 20-Jähriger – für viele überraschend – bereits bei den Blackhawks spielt…und gut spielt! Wie gesagt, es gibt selbstverständlich auch Gegenbeispiele und dies bei mir wie bei jedem anderen Scout. Die Bilanz muss nach genügend „Sample-Size“ ganz einfach positiv sein, d.h. mehr als die Hälfte der Voraussagen muss mehr oder weniger stimmen sonst verliert man schnell an Glaubwürdigkeit und letztlich den Job.

Ich stelle mir das Ranken von jungen Spielern untereinander als sehr schwierig vor. Dir helfen natürlich mittlerweile Instinkt und Erfahrung. An welche Instrumente hälst du dich sonst im Groben so?

Es ist ein Zusammensetzen von einzelnen Puzzleteilchen (Live-Scouting in der Arena, TV- und Live-Stream-Spiele am Computer resp. am TV analysieren, Statistiken auswerten, Berichte von Gewährsleuten über diese Spieler lesen, all dies zusammenführen und sich eine Meinung bilden und diese Meinung dann auch vertreten).

Welche NHL-Teams haben in den letzten Jahren die beste Draft-Politik an den Tag gelegt?

Dies wird man erst in fünf Jahren beurteilen können. Ich kann darum nur über die Vergangenheit sprechen. So vor ca. 5-10 Jahren waren die Detroit Red Wings überdurchschnittlich erfolgreich, noch etwas früher die New Jersey Devils und bei den Edmonton Oilers z.B. passte im Scouting vor einigen Jahren nicht so viel zusammen.

Der Entry-Draft hat ja den Grundgedanken die Liga ausgeglichener zu machen. Woran scheitern Teams, die dennoch seit Jahren am Ende der Tabelle spielen? Was ist das Problem neben möglichen wirtschaftlichen Problemen?

Du sprichst vermutlich Toronto und Edmonton an. Der chronische Misserfolg dieser Teams war sicher durch eine Mischung von verschiedenen Punkten begründet. Es gibt ja nie nur einen oder zwei Gründe für Erfolg oder Misserfolg. Wie gesagt: In Edmonton wurde jahrelang vergleichsweise unglücklich gedraftet, in Toronto wurden die GMs laufend ausgewechselt und bei den Trades hat man auch kein glückliches Händchen bewiesen. Allerdings darf ich darauf hinweisen, dass aktuell die Oilers wie auch die Maple Leafs extreme spannende Teams haben mit spektakulären Jungtalenten und ich sehe beide Teams spätestens in ein, zwei Jahren als klare Playoffteams.

Hast du schon heisse Tipps für den Entry Draft 2017?

Der Draft 2017 wird vermutlich ganz an der Spitze keine „High-End-Spieler“ wie z.B. Laine/Matthews im letzten Draft hervorbringen. In der Tiefe scheint aber der 17er-Draft gut bestückt zu sein, d.h. man wird auch in der zweiten Hälfte der ersten Runde noch gute Chancen haben, einen exzellenten Spieler zu bekommen. Persönlich bin ich der Meinung, dass unser Schweizer Nico Hischier sehr weit vorne gedraftet werden könnte. Aktuell liegt er in den meisten Rankings so zwischen Position 12 und 25; ich glaube aber, dass er die Top10 knacken wird und für mich persönlich ist er sogar ein klarer Top5-Kandidat; mit dieser Meinung stehe ich aber noch etwas alleine in der Landschaft und vielleicht überschätze ich ihn ja auch; die Zukunft wird es zeigen.

Welche Schweizer kommen dafür in Frage?

Ausser Hischier gefällt mir der Zuger Verteidiger Geisser noch ganz gut, dann ebenfalls aus Zug, Sven Leuenberger und dann gibt es in Uebersee noch den einen oder anderen Schweizer der wenigstens Aussenseiterchancen hat, gedraftet zu werden.

Ziehst du bereits erste Schlüsse aus der noch recht jungen Saison (ausser, dass es vielleicht wieder ein kanadisches Team in die Playoffs schaffen könnte? ;))

Nein, ich ziehe noch keine Schlüsse. Die ersten Wochen sind immer die gefährlichsten betr. Beurteilungen, weil man dazu neigt Frühstarter zu über- und Spätstarter zu unterschätzen, darum: Nein, ich ziehe noch keine Schlüsse aus der neuen Saison, vielleicht mit Ausnahme, dass uns grossartige Talente wie Laine, Matthews, Marner, Nylander und einige mehr immer wieder mit spektakulären Szenen beglücken.

Wie bist du ursprünglich zum Eishockey gekommen?

Ich war ein begeisterter Strassenhockeyaner der zu weit von einem Eisfeld entfernt aufgewachsen ist, um als Kind richtig gut Schlittschuhlaufen lernen zu können. Darum hat es mir später „nur“ zum Unihockey gereicht, resp. im Eishockey in eine Bierliga. Sportlich kann ich darum im Eishockey nur Bierliga aufweisen, im Fussball war ich immerhin mal im Kader des FC Schaffhausen und im Unihockey war ich der erste Captain der Nationalmannschaft, dies allerdings zu einem Zeitpunkt als Unihockey noch eine Randsportart war; den sportlichen Wert dieses „Erfolges“ darf man nicht überschätzen; aber eine lustige Episode – die ich mal meinen Enkelkindern erzählen kann – ist es halt schon 😉

Was sind deine Hobbys ausserhalb des Eishockeysports? Ich las von einer Violinen-Leidenschaft? 🙂

Eishockey ist meine Leidenschaft, daneben hat nicht mehr sehr viel Platz weil ich ja hauptberuflich als Personalchef auch gefordert bin. Ich interessiere mich sehr für das Weltgeschehen, wirtschaftliche Themen interessieren mich, aber auch kulturelle und philosophische. Als Junge habe ich Violine gespielt, allerdings eher dem Vater zu liebe und weniger aus Leidenschaft. Immerhin habe ich als Violinist zwei nationale Preise gewonnen, auch dies ist eine augenzwinkernde Randbemerkung wert, oder nicht? 😉

Zum Schluss die erforderliche Gottéron-Frage: Wie stufst du die Mannschaft ein, müsste sie noch Transfers tätigen um über den Strich zu kommen oder fehlt es wo anders?

Gottéron wird meiner Meinung nach sehr knapp in die Playoffs kommen oder sehr knapp nicht. Mit Cervenka wurde ein hochkarätiger Ausländer verpflichtet, allerdings werde ich mit anderen Transferentscheiden noch nicht so recht warm.

Ich danke dir vielmals für das Interview

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