Interview mit… Alessandro Dipietro

Alessandro Dipietro ist NLA-Headschiedsrichter

 

Du pfeifst seit 2015 auch Spiele der NLA. Wo sind für dich aus der Sicht des Schiedsrichters die grössten Unterschiede zu den tieferen Ligen?

 

Das sind unbestritten der Druck und die Organisation, sowie die grössere mediale Aufmerksamkeit. Jede Bewegung der Spieler und der Schiedsrichter wird registriert und kommentiert, jeder kleinste Fehler erkannt. Dazu kommen finanzielle Aspekte und das Prestige der Vereine, die jede Emotion (ob positiv oder negativ) um das x-fache verstärken.

Ein weiterer Punkt ist natürlich die grössere Anzahl Zuschauer, die ihre Lieblingsmannschaft lautstark anfeuern. In den ersten Spielen, kann der Druck des Publikums noch einschüchternd sein, doch man lernt, damit umzugehen.

 

Was würdest du als deine Qualitäten bezeichnen, die dich zur schweizerischen Schiedsrichter-Elite geführt haben?

 

Es ist zuallererst meine Liebe zu diesem Sport, die mich antreibt, meine Ziele zu verfolgen. Meine Beharrlichkeit und meine Bereitschaft Opfer zu erbringen, haben mir unbestritten dabei geholfen in die oberste Liga zu kommen. Ich bin sehr selbstkritisch, manchmal vielleicht sogar zu sehr. Doch das hilft mir, mich weiterzuentwickeln und mit jedem Spiel besser zu werden. Was die Supervisors in Bezug auf meine Arbeit oft erwähnen, ist meine kommunikative Art. Auf und neben dem Eis, mit allen Beteiligten. Die Tatsache, dass ich vier Sprachen spreche, hilft mir dabei, Botschaften zu empfangen und weiterzugeben, die dem reibungslosen Ablauf des Spiels dienlich sind.

 

Wo siehst du in deiner Arbeit noch Verbesserungspotential?

 

Es ist sicher die fehlende Erfahrung. Diese würde mir helfen, noch bessere Entscheidungen zu treffen und mich bei neuen Situationen ruhig und routiniert zu verhalten.

 

Was war dein erster Zugang zum Eishockeysport?

 

Auf jeden Fall ist der Anblick eines Sizilianers auf Schlittschuhen kein alltäglicher Anblick. Wie es in meinen Wurzeln verankert ist, war Fussball mein erster Sport. Ich war aber übergewichtig und war kein Fan vom Rennen. So habe ich schnell bemerkt, dass ich nie ein zweiter Roberto Baggio werden würde. In der Nachbarschaft spielten zu dieser Zeit die Kinder Rollhockey. Ich habe mich angeschlossen und habe dank ihnen mit 12 Jahren begonnen Inlinehockey zu spielen. Nach einigen Jahren spielten die meisten meiner Freunde über den Winter Eishockey und haben mich dazu motiviert, es auszuprobieren. Da habe ich die schöne Welt dieses Sports kennengelernt. Als ich mich während eines Spiel «zu» lautstark über den Schiedsrichter beschwert hatte, lud mich mein Verein ein (oder eher zwang mich dazu J) Schiedsrichter zu werden. Da ich als Spieler ziemlich schlecht war und mir die neue Aufgabe Spass machte, hielt ich es für möglich als Schiedsrichter ein höheres Niveau zu erreichen denn als Spieler. Dies ist mir offensichtlich gelungen.

 

Wie ausgeprägt sind Kontakte und Kooperationen mit Schiedsrichtern aus anderen Ländern?

 

Vor einem Jahr hatte ich die Chance in andere Länder und Kontinente zu reisen und dort Schiedsrichter und ihre Philosophie des Sports und ihrer Arbeit kennenzulernen. Austausche wie diese sind wichtig und sehr bereichernd. Ich bleibe mit den Refs auch abseits des Sports in Kontakt. Das Teilen von Erfahrungen mit anderen Schiedsrichtern hilft mir, meinen Horizont zu erweitern. Auch wenn wir das hier vielleicht nicht immer erkennen: Das Schweizer Eishockey wird weltweit verfolgt und geschätzt.

 

Die Kritik an den Schiedsrichtern kann von vielen Seiten kommen und teilweise sehr massiv sein (auch weit über die Grenzen des Anstands hinaus). Wie gehst du damit um?

 

Der Umgang damit ist für mich tatsächlich der schwierigste Teil. Obwohl ich wie gesagt sehr selbstkritisch bin, ist die Tatsache, festzustellen, dass die eigene Arbeit manchmal unangebracht kritisiert wird, unangenehm. Jedoch, mit der Zeit und der Unterstützung der erfahreneren Schiedsrichter und des Referee in Chief, lerne ich damit umzugehen. So lange sich die Kritik auf die Leistung und nicht auf die Person bezieht, kann ich sie akzeptieren. Wenn sie jedoch in die Privatsphäre eingreift, ist das nicht mehr in Ordnung.

 

Worauf sollte die «Fachwelt» bei der Beurteilung von Schiedsrichtern in den nächsten Jahren ihr Augenmerk legen? Wovon sollte sie wegkommen?

 

Wissend, dass kein Mensch zu 100% objektiv sein kann, wäre ich dafür, die Subjektivität auf ein Minimum zu senken und sich auf die Fakten zu konzentrieren. Man sollte beim Bewerten eines Schiedsrichters immer versuchen, sich in ihn hinein zu versetzen und die von ihm gefällten Entscheidungen aus seiner Warte zu sehen. Ein anderer Punkt ist der, dass der Blickwinkel auf das Spiel für den Schiedsrichter nie gleich ist, wie für die Leute auf der Tribüne. Ausserdem sollte man berücksichtigen, dass wir unsere Entscheidungen auf dem Eis innert Sekundenbruchteilen fällen müssen und wir, ausser bei Toren, nicht die Möglichkeit haben, die Situationen mehrmals anzuschauen. Zusammenfassend möchte ich sagen, dass jeder akzeptieren muss, dass Fehler menschlich sind.

 

Gibt es eine besondere, positive und eine negative Anekdote aus deiner bisherigen Laufbahn, die du mit uns teilen kannst?

 

Es gab immer mal wieder schöne und interessante Begegnungen. Die negativen Erlebnisse sind zum Glück rar.

 

Gibt es Protagonisten aus dem Schweizer Eishockey, die du aus irgendwelchen Gründen hervorheben möchtest (Verhalten positiver oder negativer Art von bestimmten Spielern, Trainern, Betreuern, Fans).

 

Für mich ist Eishockey der schönste Sport der Welt und die Emotionen, die Eishockey transportiert sind unbeschreiblich. Diese Emotionen sind vor allem den Fans zu verdanken, die es schaffen immer diese tolle und beinahe magische Atmosphäre in den Stadien zu schaffen. Bravo dafür! Ebenfalls nicht zu vergessen sind die vielen Mitarbeiter und Freiwilligen, die einen reibungslosen Ablauf der Spiele ermöglichen. Ohne die Anwesenheit diese Protagonisten, seien es Spieler, Trainer, Organisatoren, Schiedsrichter oder andere, wäre dieses Spektakel niemals möglich.

 

Wer sind deine Vorbilder als Schiedsrichter und als Mensch im Allgemeinen?

 

Was Schiedsrichter betrifft, sind es alle, die grosse Ziele erreicht haben, wie Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele.

Ansonsten möchte ich meine Eltern erwähnen, die mir gezeigt haben, dass man durch harte Arbeit Ziele und Träume erreichen kann. Selbst unter schwierigen Umständen und wider Erwartung, ohne nach dem ersten Rückschlag aufzugeben.

 

Werden die Schiedsrichter vom Verband genügend unterstützt und falls nötig auch geschützt?

 

Es gibt gute Beurteilungen und Unterstützung seitens des Verbands, ja. Das fusst auf einer Basis von Vertrauen und Transparenz.

 

In welche Richtung wird sich das Schiedsrichterwesen national und international in den nächsten Jahren bewegen?

 

Die Verbreitung neuer Kommunikations- und Informationstechnologien machen auch vor dem Eishockey nicht Halt. Für die Schiedsrichter bedeutet das konkret die Kommunikation per Mikrofon untereinander und die Coaches Challenge. Ich bin überzeugt, dass diese Entwicklungen unseren Sport auch in Zukunft beeinflussen werden.

 

Was sind deine persönlichen Ziele, die du dir für die nächste Zeit und für deine ganze Karriere gesteckt hast? Was möchtest du noch erreichen?

 

Mein oberstes Ziel, vor allen anderen, ist es weiterhin Spass am Pfeifen zu haben. Ausserdem habe ich es mir als Ziel gesetzt, als «solider» Schiedsrichter wahrgenommen zu werden, den man in jedes Stadion schicken kann, egal wie die Affiche lautet. Ich verfolge einige Träume wie beispielsweise am Spengler Cup pfeifen zu dürfen  oder internationales Niveau zu erreichen. Das alles ist auch eine Quelle der Motivation, um weiterhin hart an mir zu arbeiten.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Du kannst folgende HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>